AT | 1020 Wien | ehem. Frachtenbahnhof Praterstern

Im Zuge der Wohnraumschaffung wurde um 2007/08 [1] mit dem Abtrag des ehemaligen Frachtenbahnhofes Praterstern begonnen. Damit wurde dem Umstand Rechnung getragen, dass die Art der ehemaligen Nutzung (u.a. Umschlagplatz für Kohle und Koks) als obsolet bezeichnet werden muss. Markant waren am Standort die Kohlehöfe, Kohlerutschen und Kohlebunker. Innerstädtisch wird heute zum Glück kaum noch Koks verfeuert.

Eine kurze Geschichte des Altstandortes findet sich in einer Gefährdungsabschätzung des Umweltbundesamtes [2].

Zitat daraus (Beginn):

Der Altstandort „Frachtenbahnhof Praterstern“ befindet sich im 2. Bezirk von Wien nördlich des Pratersterns. Der Altstandort wird im Westen von der Nordbahnstrasse, im Norden von der Innstraße, im Osten von der Vorgartenstraße und im Süden von der Lasallestraße abgegrenzt. Die Fläche des gesamten Altstandortes beträgt insgesamt rund 820.000 m², der Teilbereich „Werkstätte“ befindet sich auf einer Fläche von rund 6.000 m². Im Jahr 1838 wurde die Kaiser-Ferdinand-Nord
bahn mit einem Personenbahnhof errichtet. Etwa 1860 wurde der Bahnhof erweitert und es wurden auch vermehrt Güter (vor allem Kohle, landwirtschaftliche Produkte und Holz sowie diverse Industriegüter) am Areal des Frachtenbahnhofs umgeschlagen. Etwa 1865 wies der Bahnhofbereich schon seine maximale Ausdehnung auf. Es entstanden große Lagerhäuser sowie auch freie Lagerflächen, Werkstätten und diverse Produktionsbetriebe. Während des 2. Weltkriegs wurde das gesamte Areal des Frachtenbahnhofs durch Bombentreffer nahezu vollständig zerstört. Nach 1945 bis etwa 1990 wurde das Areal durch eine große und häufig wechselnde Zahl an Betrieben genutzt. Nach 1945 bis etwa in die 80-iger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurden auch große Mengen an Mineralölprodukten am Standort um geschlagen.
Ein Teilbereich des Bahnhofgeländes wurde seit rund 100 Jahren als Werkstätte für Lokomotiven genutzt. Im Bereich des Altstandortes sowie im näheren Umfeld waren auch mehrere Jahrzehnte lang oberirdische Öltanks situiert, die genaue Lage sowie Art und Menge der umgeschlagenenProdukte sind großteils nicht mehr bekannt. Im Bereich des Altstandortes befinden sich seit etwa 1867 bestehende Gleisanlagen, die großteils noch immer in Verwendung sind.

Zitat Ende

Die beigefügten Fotos aus 2008-2012 [3] sollen wertfrei den Bestand an alten Lagerhallen, Gleisanlagen und Kohlerutschen sowie den Übergang zu einem modernen Stadtteil dokumentieren. Zu dieser Zeit war das Gelände für Randgruppen aller Art hochinteressant: Obdachlose, Sprayer, spielende Schlüsselkinder, Kupferkabeldiebe, Altmetallsucher und Kampfhundebesitzer grasten regelmäßig das Gelände in puncto ihrer Interessen ab. Im Oktober 2008 konnte man in einer alten für China-Importware genutzen Lagerhalle ein Bad in Glückskeksen nehmen-siehe das in rot gehaltene Foto. Leider wurde durch die vielen ungebetenen Besucher auch viel zerstört. Dezidiert stellt sich schlot.at gegen jegliche Form des Vandalismus.

Quellen:

[1]…wien.gv.at/Rudolf Bednar-Park, abgefragt am 11.12.2017

[2]…Altstandort „Frachtenbahnhof Praterstern – Bereich Werkstätte“, UBA, abgefragt am 11.12.2017

[3]…Fotos 2008-2012, schlot.at

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AT | 1030 Wien | Ehem. neues Schweineschlachthaus St. Marx – Arena Wien

Auszug aus der umfangreichen Geschichte zum Standort des ehem. neuen Schweineschlachthofes St. Marx – dem heutigen Kulturzentrum „Arena“

Donau Auen – Donauregulierung

Die Donau erhält den größten Teil ihrer Zuflüsse aus den Alpen und weist daher stark schwankende Wasserstände auf. Im Wiener Becken bildete sie ein ganzes Netz wechselnder Wasserarme aus. Weitreichende Überflutungen bei Eisgängen und Hochwässern bedrohten wiederholt die Stadt und behinderten vorübergehend ihre Entwicklung. Bereits um 1800 konnten durch einen Donaukanaldurchstich einige Gebiete in Erdberg trockengelegt und parzelliert werden.1

 

Quelle: Stadt Wien – Vienna GIS, www.wien.gv.at/viennagis/
Links: 1780: vor der Donauregulierung – Rechts: 1875: nach der Donauregulierung

Gebietsansiedelungen // Stadtteilentwicklung

Versorgungsbetriebe mit gegenseitig ergänzenden Bedürfnissen und Angeboten siedelten sich in Erdberg an wie zb. Wasenmeister (Tierkörperverwertung), Leimsieder und Weißgerber.

In St. Marx und Simmering wurden die Gebiete entlang einer alten Römerstraße und wichtigen Handels- und Verkehrsroute (St. Marxer Linie, heutiger Rennweg und Simmeringer Hauptstraße) durch Viehstände, einen Schweinemarkt beim Bürgerspital, eine Kaserne, eine Bahnstation, eine Teerfabrik, eine Waggonfabrik, eine verlegte Tierkörperverwertung, Gas- und E-Werk, Schlachthäuser, Fleichselcher, Seuchenhöfe, später Kühlhallen und eine Wurstfabrik erschlossen.

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Erster Schweinemarkt beim Bürgerspital St. Marx. Detail aus: Neuester Plan der Haupt- und Residenzstadt Wien und dessen Vorstädte, Artaria, Wien 1824 Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wien_Stadtplan_1824-pdf-gesticht.jpg


Der Bau des neuen Schweineschlachthofes

Der Bauingenieur Max Fiebiger (1867-1958) war seit 1900 mit diversen Erweiterungsbauten am Zentralviehmarkt betraut und entwarf und leitete den Bau des neuen Schweineschlachthauses (1908-10, heutige Arena) und des großen Kontumaz(Quarantäne)- und Seuchenhofes (1916-22, alte Arena).

Ing. Max Fiebiger

Stadtbaudirektor Ing. Max Fiebiger Quelle: Tillmann, Rudolf, Festschrift herausgegeben anlässlich der Hundertjahr-Feier des Wiener Stadtbauamtes, Wien 1935, S. 52


1920-25 war er als Stadtbaudirektor tätig und baute zahlreiche Schulhäuser und Kindergärten, Schweinemastanstalten, Kühlhallen, Schlacht- und Seuchenhöfe, Straßen, Kanäle, erweiterte die Hochquellenwasserleitung. Übriggebliebene Gasbeleuchtung wurde durch elektrische Lampen modernisiert. Ebenso war er an Bauprogrammen zur Schaffung von Kleinwohnungen beteiligt.2

Ab April 19083 (Auftragserteilung 19054) wurde an der Ecke Baumgasse und geplantem Landstraßer Gürtel (heutiger Franzosengraben) auf einer Grundfläche von 15.865 m² an einer Schweineausladerampe der Schlachthausbahn der neue Schweineschlachthof mit einer Fläche von 8.289 m²5 für 1500 Schweine in Warte- und Stechbuchten6 errichtet.

Das Terrain musste bedeutend aufgeschüttet werden; die wichtigsten Gebäude waren aber schnell errichtet.7 Urspünglich war der Seuchenhof an dieser Stelle geplant, denn es existierten zahlreiche Seuchen unter den Haus- bzw. Nutztieren.8

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Beginn der Bauarbeiten Quelle: Die Gemeindeverwaltung der K.K. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien im Jahre 1908, Wien 1910, S. 254

Am 02. Jänner 1910 wurden schließlich die ersten Schweine eingetrieben9 und am 20. Juni 1910 eröffnet.

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Eröffnung des Schweineschlachthauses Quelle: Amtsblatt der K.K. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, 19. Jahrgang, Wien 1910, S. 57


Der Betrieb des Schweineschlachthauses ersetzte damit die sonst üblichen Schweineschlachtungen an der Notstechbrücke in St. Marx und in den Rinderschlachthöfen.10

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Notstechbrücke am Zentralviehmarkt Quelle: Festschrift Wiener Stadtbauamt, 1935, S. 175

Hart an der Donau standen die öffentlichen Schlagbrücken der Fleischhauer. Man brachte dieselben in dieser Entfernung von der Stadt an, nicht nur um die Luft in den nächsten Umgebungen der Stadt rein zu halten, und die Gefahren, welche den Menschen bey Tödtung des Schlagviehes bevorstehen, zu entfernen, sondern auch um den Fleischhauern selbst mehr Bequemlichkeit zu verschaffen.“11

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Gesamtlageplan des Zentralviehmarkt; das neue Schweineschlachthaus befindet sich in der rechten oberen Ecke. Quelle: Paul, Martin, Technischer Führer durch Wien, Wien 1910, S. 236, Abb. 149

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Gesamtlageplan des Zentralviehmarkt; das neue Schweineschlachthaus befindet sich in der rechten oberen Ecke. Plan von Wien, Ausschnitt, 1935 Quelle: schlot.at

 

Die Gebäude und deren Einrichtungen

Die Kühlhalle (an Stelle der heutigen Open Air Wiese) bestand aus zwei Hallen, die durch eine Kohlensäure-Kühlmaschine mit Tandem-Heißmaschine (80 PS) als Antrieb gekühlt wurden. Das Kühlwasser, der Abdampf und das Kondensationswasser wurden dem Betrieb wieder zugeführt.

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Bombentreffer nach dem 2. Weltkrieg an der alten Kühlhalle auf dem heutigen Open Air Gelände Quelle: WSTLA, Bestand 3.3.21, Fotos aus dem Bestand M.Abt. 243, FC Positive, 4. Viertel 19.Jh.-2.H.20.Jh.: Nr. 103


Im damaligen und heutigen Verwaltungsgebäude waren im Erdgeschoß Amtsräume und eine Aufseherwohnung und im Obergeschoß eine Wohnung für den Schlachthofleiter und einen Aufseher untergebracht.12

Der heutige Kleine-Hallen-Trakt war als Sterilisierungsanstalt erbaut wurden und unterteilte sich in Wasch-, Umkleide-, Koch, Desinfektions-, Zerteilungs- und Untersuchungsraum sowie eine Freibank mit Warte- und Verkaufsraum und eine Kanzlei.
In diesem Trakt wurde Fleisch, das seuchenverdächtig war, sterilisiert und günstig in der Freibank verkauft. Die Freibank war im Erweiterungsbau von 1926 eingerichtet worden. Bei diesem heutigen Kleine-Hallen-Konzertraum handelte es sich um einen Verkaufsraum, in dem minderwertiges tw. mit Bandwurmlarven besetztes Fleisch oder Fleisch von kranken oder verunfallten Tieren günstig verkauft wurde. Kranke Tiere dürfen und durften nicht in normalen Schlachthöfen geschlachtet werden; das Fleisch nicht in normalen Fleischereien verkauft werden.13
Ein- und Ausfahrt lag beiderseits eines Torwächterhäuschens (heute noch mit nur einer Einfahrt vorhanden)

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Schlachthofarbeiter vor dem Freibankgebäude (Kleine Halle) mit Torwächterhäuschen, 1938 Quelle: WSTLA, Bestand 3.3.21, Fotos aus dem Bestand M.Abt. 243, FC Positive, 4. Viertel 19.Jh.-2.H.20.Jh.: Nr. 155

 

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Freibank – Verkaufsraum (Kleine Halle, von der Bühne, Richtung Ausgangstür), 1938 Quelle: WSTLA, Bestand 3.3.21, Fotos aus dem Bestand M.Abt. 243, FC Positive, 4. Viertel 19.Jh.-2.H.20.Jh.: Nr. 154

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Sterilisierungs- bzw. Sudraum (heutiger Dreiraum-Konzertraum) Quelle: WSTLA, Bestand 3.3.21, Fotos aus dem Bestand M.Abt. 243, FC Positive, 4. Viertel 19.Jh.-2.H.20.Jh.: Nr. 261

 

 

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Eröffnung der verlegten Freibank, 16. März 1950 (neben der heutigen großen Halle) Quelle: WSTLA, Bestand 3.3.21, Fotos aus dem Bestand M.Abt. 243, FC Positive, 4. Viertel 19.Jh.-2.H.20.Jh.: Nr. 492

Die Hallen und die diversen Räume wurden stetig umgebaut und erweitert; der Verkaufsstand an die südöstliche Einfriedungsmauer verlegt.

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Neue Freibank – Innenraum, 16. März 1950 (neben der heutigen großen Halle) Quelle: WSTLA, Bestand 3.3.21, Fotos aus dem Bestand M.Abt. 243, FC Positive, 4. Viertel 19.Jh.-2.H.20.Jh.: Nr. 491

 

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Arena Beisl – ehem. Meister- und Gesellenraum- Schlafstätten für die Lohnschlächter im Obergeschoß Quelle: Arena Archiv 2013


Im Trakt des heutigen Beisls waren Aufenthaltsräume für die Arbeiter: Gesellen, Gehilfen, Meister, Aufseher untergebracht.

Die importierten Schweine kamen hauptsächlich aus Ungarn und Bosnien und Herzegowina18 Jedoch konnte man Schweine selbst in den Schlachthof bringen und sie gegen Gebühr (90 Kronen für ein Schwein und 3 Tage Kühlhauslagerung) unterbringen, schlachten und in der Kühlhalle lagern.19

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Nicht mehr existent: Tötebucht mit Brühbottich und Enthaarungsmaschine, im März 1952 Quelle: WSTLA, Bestand 3.3.21, Fotos aus dem Bestand M.Abt. 243, FC Positive, 4. Viertel 19.Jh.-2.H.20.Jh.: Nr. 587

 

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Nicht mehr existent: Brühbottich, Enthaarungsmaschine und Auswerfer für Schweine, im März 1952 Quelle: WSTLA, Bestand 3.3.21, Fotos aus dem Bestand M.Abt. 243, FC Positive, 4. Viertel 19.Jh.-2.H.20.Jh.: Nr. 589

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Nicht mehr existent: Arbeiter in der Darmwäscherei Quelle: WSTLA, Bestand 3.3.21, Fotos aus dem Bestand M.Abt. 243, FC Positive, 4. Viertel 19.Jh.-2.H.20.Jh.: Nr. 560

 

Kunsthistorische Kurzanalyse

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Das einstige und heutige Verwaltungsgebäude Quelle: Arena Archiv 2013

Profaner Sichtziegelbau, erbaut im Landstraßer Stadtteil St. Marx in den Jahren 1908 – 191014 – am Höhepunkt der Bevölkerungsdichte15 Wiens – als Ausläufer der romantisch historistischen Industriebauten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Um- und Anbauten aus dem 20. Jahrhundert.

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Alter Schriftzug an der heutigen großen Konzerthalle, darüber das typische Ziegelfries Quelle: Arena Archiv 2013

Die heutige große Konzerthalle beherbergte das Kessel- und Maschinenhaus sowie Kohlendepots, Maschinistenraum und diverse Lagerräume.

Die Eingangsfront hat den sakralen Charakter einer Basilika – einer mehrschiffigen, profanen Halle, die schon in der altrömischen Baukunst als Markt-, Gerichts- und Versammlungshalle16 diente. Übernahme durch die Christen; im 19. Jahrhundert ist die basilikale Grundform der vorherrschende Kirchentypus17.

Am Blendgiebel befindet sich ein mit Ziegeln stilisiertes Zahnschnittfries und ein großes Rundfenster. In der Frieszone befindet sich das seltene und für die Arena typische dreifache, zu einer Blume versetzte Zahnfries. An der Westwand finden sich über zweigeschossigen Rundbogenfenstern die Original-Schriftzüge „Kesselhaus“ und „Maschinenhaus“.

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Vorderfront der heutigen großen Halle Quelle: Arena Archiv 2013


Zum Verkauf des Auslandsschlachthofes und zum Ende der Schlachthöfe

Ab Mitte der 60er gingen die Lebendanlieferungen stark zurück, da mit dem „Fortschritt der Kühltransporttechnik“, „dem Ausbau der Verkehrslage“ und den ausgelagerten und billigeren „Produktionsgebieten“ nicht mitgehalten werden konnte. Ebenso gab es neue „Erkenntnisse“ und Vorschriften die „Lebensmittel- und Schlachthygiene“ betreffend, weswegen Mitte der 70er beide Schlachthöfe (damalige Auslands- und Inlandsschlachthöfe – Schweineschlachthaus am 21.6.7620) bereits geschlossen hatten und 1997 die Schlachtungen auch am Zentralviehmarkt beenden wurden.21

Im Sinne von Betriebsansiedelungen oder Betriebsausweitungen wurden [zahlreiche] Liegenschaften im 3. und 10. Bezirk verkauft.22

Zur Besetzung im Sommer 1976

Die Besetzung des Kontumazmarktes/des damaligen Auslandsschlachthofes im Rahmen der Wiener Festwochen diente als Ausdruck der Unzufriedenheit mit der Kulturpolitik der Stadt Wien und zeigte den Mangel an alternativen Kultureinrichtungen auf.

In der kurzen Zeit der Auseinandersetzungen mit der Stadt Wien haben die Besetzer mit vereinten Kräften und Zielen erreicht, ein funktionierendes, alternatives und frei zugängliches Kulturzentrum aufzubauen. Zwar wurde der besetzte Schlachthof trotz Widerstand abgerissen, doch der gegenüberliegende, kleinere Schweineschlachthof wurde zur freien, alternativen, kulturellen Umnutzung angenommen.

Schrägluftaufnahmen von Wien

Luftbildaufnahme des Auslandsschlachthofes 1956, Links das besetzte Areal: der spätere Auslandsschlachthof, der Austragungsort der Festwochen-Arena, Rechts oben der ehem. Schweineschlachthof – die heutige Arena Quelle: WSTLA, Presse und Informationsdienst Bestand 3.3.11, FC2Positive ehemaliger Ordner, 56170.81

Link zum Archivsystem: https://www.wien.gv.at/actaproweb2/benutzung/archive.xhtml?id=Stueck++0f7d1790-22eb-4b8b-8ea9-6e07bbde4a06VERA#Stueck__0f7d1790-22eb-4b8b-8ea9-6e07bbde4a06VERA

Nach dem Einzug der Bewegung in die „neue Arena“ fanden anschließend im Juli 77 bis Juli 78 Umbauarbeiten statt.23 Danach begann das regelmäßige und bis heute konsequent geführte Veranstaltungsprogramm am heutigen Arena-Gelände.

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Umbauarbeiten am Open Air Gelände 1994 Quelle: Arena Archiv


Großer Umbau der großen Halle und des Open Air Geländes: 1994-2004 durch das Architekturbüro Rataplan24

Die Gebäude der heutigen Arena sind stark restaurierungsbedürftig, da sie seit 40 Jahren für die Allgemeinheit genutzt werden. Eine der Besonderheiten ist die auffallende Ziegelfriesgestaltung.

Auszug aus dem Bescheid des Bundesdenkmalamtes Wien laut § 2 des Denkmalschutzgesetzes, 1997 – GZ.: 29.276/3/1997

„Alle Gebäude weisen die charakteristische Industriefassadengestaltung aus dem Ende des 19. Jahrhunderts mit der typischen Sichtziegelarchitektur auf, wobei hier die über die Hauptgesimse bzw. Giebelgesimse noch gezogenen Zierelemente in äußerst selten gewordener Komplettheit anzutreffen sind.“

“Die Gebäude des ehem. Schweineschlachthofes stellen mit ihren typischen und weitgehend vollständig erhaltenen Sichtziegelfassaden eine bereits selten gewordene Form dieser Industriebauweise aus dem Ende des 19. Jahrhunderts bzw. Anfang des 20. Jahrhunderts in Wien dar und sind daher architekturgeschichtlich von besonderer Bedeutung.”

“Der Schweineschlachthof dokumentiert als einer der letzten erhaltenen Reste der einstigen Vielzahl an historischen Viehmarkt- und Schlachthofbauten in St. Marx einen bedeutenden Bereich der Wirtschaftsgeschichte Wiens um die Jahrhundertwende.”

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Nicht mehr existent: Reparaturen an dem Dach der im zweiten Weltkrieg von Bomben getroffenen Kühlhalle. Blick in Richtung Gasometer auf das Verwaltungsgebäude, 1947 Quelle: WSTLA, Bestand 3.3.21, Fotos aus dem Bestand M.Abt. 243, FC Positive, 4. Viertel 19.Jh.-2.H.20.Jh.: Nr. 115


Die Arena Wien ist eines der europaweit bedeutenden Beispiele für die funktionierende kulturelle Umnutzung leerstehender Fabriksgebäude durch autonome Gruppen.
http://arena.wien/


Bibliografie

1 Festschrift, 100 Jahre Wiener Stadtbauamt, 1835-1935, Wien 1935, S. 126 f.

2 Festschrift 1935, S. 53

3 Stadt Wien, Die Gemeindeverwaltung der k-u-k- Reichhaupt- und Residenzstadt Wien im Jahre 1908 VVII., Bericht des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger, Verlag Gerlach und Wiedling, Wien 1910, S.254 – im WSTLA

4 WSTLA, Inhaltsverzeichnis für das Amtsblatt der k.u.k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, XIV. Jahrgang, Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen, Nr. 51 am 28. Juni 1910, Wien 1905; S.1056, Protokoll 5420 und S. 1358 Protokoll 7591(tgl. 600 Schlachtungen)

5 Festschrift 1935, S. 179

6 Ebenda, S. 180

7 Stadt Wien, Die Gemeindeverwaltung der k-u-k- Reichhaupt- und Residenzstadt Wien im Jahre 1908 VVII., Bericht des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger, Verlag Gerlach und Wiedling, Wien 1910, S.254 – im WSTLA

8 Stadt Wien, Die Gemeindeverwaltung der k-u-k- Reichhaupt- und Residenzstadt Wien im Jahre 1908 VVII., Bericht des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger, Verlag Gerlach und Wiedling, Wien 1910, S.249 – im WSTLA

9 WSTLA, Marktamt B52 12, Geschäftsprotokolle 1907 und 1908, 39.1

10 WSTLA, Inhaltsverzeichnis für das Amtsblatt der k.u.k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien, XIX. Jahrgang, Gesetze, Verordnungen und Entscheidungen, Nr. 51 am 28. Juni 1910, Wien 1910; S.57, IV. Kundmachung

11 Geschichte der Vorstädte und Freygründe Wiens, 1812. S. 12

12 Festschrift, S. 180

13 Ebenda

14 Siehe Metallfahne auf dem Dach des Verwaltungsgebäudes. Eröffnung des Schlachhofes 1910. In: http://de.wikipedia.org/wiki/Schlachthof_Sankt_Marx und In: www.wien-vienna.at/index.php?ID=224

15 Bevölkerungsentwicklung lt. Statistik Austria, in: http://www.carookee.de/forum/Kleeblattforum.carookee.com/33/21583648-0-01105?p=1

16 E.A. Seemann, Seemanns Lexikon der Architektur,Leipzig, 2000, S. 31

17 Fritz Baumgart, Dumont’s kleines Sachlexikon der Architektur, Köln, 1997, S. 29 f.

18 WSTLA, Marktamt B52 12, Geschäftsprotokolle 1907 und 1908, 81.3

19 WSTLA, Marktamt, Zentralviehmarkt, Normalien, Kurrenden, Kundmachungen. A51-1, Normalien 1920, Nr 98, Beilage D, Gebühren für das Schweineschlachthaus der Stadt Wien und für die Benützung der Kühlanlage dieses Schlachthauses

20 Magistrat der Stadt Wien [Hrsg.], Die Verwaltung der Stadt Wien 1976, Wien 1977, S. 218

21 Magistratsabteilung 53, Archivmeldung der Rathauskorrespondenz vom 16.12.1997 – Letzte Rinderschlachtungen in St. Marx

22 Magistrat der Stadt Wien [Hrsg.], Die Verwaltung der Stadt Wien 1976, Wien 1977, S. 193

23 Verena Kövari, Die Arena, Alternativkultur im Wien der 1970er Jahre, Wien 1997, S. 78

AT | 1110 Wien | Gaswerk Simmering | Schrägkammeröfen und Generatoren | um 1910

Ergänzend zu unserem Artikel über das Gaswerk Simmering liefern wir mit 5 Jahren Verspätung (!) eine als äußerst selten anzusehende Ansicht [1].

Zu erkennen sind die vor dem markanten Ofenhaus (Bildmitte) freistehenden Schrägkammeröfen samt einem Kamin (Eisenkonstruktion links im Bild, vgl. Quelle [2]) und die in Bau befindlichen Generatoren (Rohrleitung in Bildmitte, Konstruktion im rechten Mittelgrund mit Tonnengewölbe, vgl. Quelle [3]).

Das Foto stammt vermutlich aus den sehr frühen 1910er – Jahren, da ostsüdöstlich des Ofenhauses bereits Zubauten bestehen, die 1912 bereits deutlich weiter gediehen waren als am gegenständlichen Foto erkennbar [3].

Sehr schön erkennt man in Quelle [2], die das Ablöschen des verbrauchten Kokses zeigt, die am Foto ersichtlichen Baulichkeiten samt dem weißen Generatorengebäude mit Tonnengewölbe.

Quellen:

[1]…Echtfoto 112 x 85 mm, ELKO-Fotopapier, Charge #2944, falsch beschrieben als „Gas Plant Stein“, vielmehr: Gaswerk Simmering. Eigentum schlot.at-Archiv (11/2017)

[2]…austria-forum.org/Imagno, Schrägkammeröfen Gaswerk Simmering, abgefragt am 27.11.2017.

[3]…Stadt Wien – Kulturgut, Generalstadtplan 1912, abgefragt am 27.11.2017

AT | GD | Heidenreichstein | Strumpfwarenfabrik BÄRENMARKE

Foto einer Werksbesichtigung am Gelände der ehemaligen Strumpffabrik BÄRENMARKE,  Heidenreichstein, Waidhofner Straße 10, um 1965-1970 [1].

Als stilistisch mutig kann die im Stile einer Fleischerei vollständig gekachelte Fassade des Fabriksgebäudes bezeichnet werden. Aus heutiger Sicht attraktiv erscheinen hingegen das aufwendige Mosaik-Logo und die Neon-Reklame am Firmendach. Links im Bild ist die Anlieferung von Chemikalien für die Nylonproduktion [5] im Tank-LKW dokumentiert.

Zur Geschichte der Strumpffabrik konnten folgende Meilensteine eruiert werden:

  • 1916: Übernahme der ehem. Strickerei FRIEDRICH durch David Goldfeld&Co. [2]
  • 1925: GOLDFELD & Co Strumpfwarenfabrik (1916), Kirchberg am Walde, Heidenreichstein, Wien 19., Hardtgasse 25 und 32. (Kraftantrieb) 30 PS, 400-500 Arbeiter. Verwaltung in Wien. [3]
  • Beginn 1930er Jahre: Beschäftigungsstand ca. 80 Personen [2]
  • 1938-1945: Arisierung, Übernahme durch Mathias GERÖ, Kriegsproduktion mit ca. 50 Beschäftigten. [2]
  • 1959: GERÖ & HOHENBERG, Strumpfwarenfabrik „BÄRENMARKE“ (1916), Heidenreichstein […] 100 Arbeiter.
  • 1961: Errichtung einer Filiale in der ehem. Strickerei GLÜCK, Eisgarn. [2]
  • 1976: Ende der Produktion ein Heidenreichstein und Eisgarn. [2]
  • 2006: Nachnutzung der Fabriksgebäude durch einen Supermarkt [2]

Quellen:

[1]…Farbfoto KODAK, 117 x 80 mm Belichtungsfläche, unbeschriftet. Eigentum schlot.at-Archiv (2017)

[2]…STADLER, G. A. (2006) Das industrielle Erbe Niederösterreichs: Geschichte, Technik, Architektur; Böhlau-Verlag Wien Köln Weimar. S. 320

[3]…COMPASS VERLAG (1925): Industrie-Compass Österreich 1925/26, 1472

[4]…COMPASS VERLAG (1959): Industrie-Compass Österreich 1959, 1301

[5]…schule-studium.de, Nylonherstellung, abgefragt am 07.04.2017

AT | 1100 Wien | Holzwarenfabrik Lourié & Co.

Dieser Artikel ist einem klassischen Unternehmen der Hilfsindustrie gewidmet:

Die 1899 gegründete [5] Fa. LOURIÉ & Co. widmete sich Zeit ihres Bestehens der Herstellung von Holzverpackungen. Wir wurden auf das Unternehmen aufmerksam, da mehrere Holzkisten [1-4] aus unserem Archiv von dieser Firma mittels Blindprägung oder Farbstempel am Boden gemarkt wurden. Allen Produkten gemeinsam ist die tadellose Herstellung. Sämtliche Kistchen sind vernagelt [1-3] bzw. mittels Schränkung [4] hergestellt.

Folgende Nachweise und Beschreibungen der Fabrik liegen uns vor:

  • 1925: Lourié & Co., X., Bernhardsthalgasse 36, Holzbearbeitungsfabrik (1899). […] 400 Arb., Dampfmasch. 200 PS [5].
  • 1943: Pölzl u. Weigensamer Holzwerke, X/75, Bernhardsthalgasse 36 [6]
  • 1959: Lourié & Co., X., Bernhardsthalgasse 36, Sperrholz- und Holzwarenfabrik. […] 140 Arb., Dampf- und Elektr., 300 PS. Div. Holzbearbeitungsmaschinen. Erz.: Sperrholzplatten, Karteikästchen u. Kleinmöbel, Verkaufs- und Reklamekästen, Tassen, Wickelbrettchen, Zigarrenkisten, Lagerschachteln.[7]
  • 1979: kein Nachweis mehr [8]

Quellen:

[1+2]…Holzkisten/Bonbonnières für Victor SCHMIDT & Söhne/Bonbons surfins und Casino, Wien, Eigentum schlot.at-Archiv

[3]…Holzkiste für Obstkonservenfabrik D.&S. FALTICZEK, Wien, Eigentum schlot.at-Archiv

[4]…Archivkiste für Glaspositive der Österreichischen Lichtbildstelle, Eigentum schlot.at-Archiv

[5]…COMPASS-VERLAG (1925) Industrie-Compass Österreich 1925/26, S. 1249

[6]…Amtliches Fernsprechbuch Wien 1943, S. 297+383

[7]…COMPASS-VERLAG (1959): Industrie-Compass Österreich 1959, S. 1205:

[8]…COMPASS-VERLAG (1979): Industrie-Compass Österreich 1979, kein Nachweis

Frohe Festtage 2016/2017!

Frohes Fest und ein gutes Jahr 2017 wünschen Euch allen

  • Constanze Catharina CZUTTA
  • Werner HACKINSHOLZ
  • Christoph SCHWAIGER
  • Markus MRAZ

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AT | 1030 Wien | Tag des Denkmals | ARENA Wien – Ehem. Schweineschlachthaus St. Marx

So., 25.09.2016: Ausstellung Tag des Denkmales!

Ausstellung im Zuge des Tages des Denkmales im ehemaligen Schweineschlachthaus St. Marx. Die Ausstellung beleuchtet die facettenreiche Vergangenheit und Gegenwart des Standortes aus baugeschichtlicher und soziologischer Sicht bis in die Gegenwart.

Constanze C. Czutta von schlot.at ist durch Aufarbeitung der Baugeschichte des Schlachthofes und der näheren Umgebung vertreten! Eine gute Chance, viel Wissenwertes über die ehemaligen Randbereiche der Stadt zu erfahren, schreibt CZUTTA doch ihre Dissertation zu ebendiesem Thema.

AT | 1020 Wien | Rotunde | Innenansicht Sektor Nord | ESKA-Werk Karl SCHULZ | um 1930

Das vorliegende Foto [1] wurde als Aufnahme eines Verkaufsstandes der Firma ESKA-Werk Karl SCHULZ, Waagenfabrik, Wien 15., Sechshauser Straße 60, erworben. Abgebildet sind zwei Repräsentanten in einem Verkaufsstand samt einer Vielzahl an Waagen unterschiedlicher Bauart und Größe. Der Verkaufsstand liegt – wie sich im Zuge der Recherche herausstellte – innerhalb des Rondeaus der Wiener Rotunde, Pfeiler 15, Sektor Nord [A]. Großformatige scharfe Aufnahmen aus dem Inneren der Rotunde sind nicht allzu häufig.

Die Wiener Rotunde, ein monumentales Ausstellungszelt mit 108m Durchmesser und 84 m Höhe, wurde anläßlich der Wiener Weltausstellung 1873 erbaut und diente danach bis zu ihrer Vernichtung durch Brand am 17.09.1937 immer wieder als Ausstellungsgelände, u.a. für diverse Gewerbeschauen, unter denen in der Zwischenkriegszeit die Wiener Messe eine wesentliche Rolle spielte [B]. Vgl. dazu bzw. zum nächtlichen Aussehen der Rotunde zur Messezeit einen Werbeprospekt [C] für die Wiener Messe der Radio- und Glühlampenfabrik Johann KREMENEZKY, dessen Einband hier abgebildet wird.

An der Stelle der ehemaligen Rotunde befindet sich heute ein eisenoxidreicher Neubau der Wirtschaftsuniversität Wien. Siehe Stadtplanvergleich 1912/2016 [D].

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Über das fotorelevante ESKA-Werk Karl SCHULZ konnte folgende kleine Chronologie erhoben werden:

1925 [2] Waagen-, Gewichte- und Metallwarenfabrik Karl SCHULZ (ESKA-Werk) (1865): 200 Arbeiter, 200 PS-Elektromotor, 80 Betriebsmaschinen. Erzeugnisse: Balance-, Küchen-, Fleischer-, Goliathwaagen, Dezimal-, Laufgewichts-, sowie alle Arten von Magazins- und Viehwaagen, Fuhrwerks- und Brückenwaagen, Handels-, und Präzisionsgewichte in Eisen und Messing.

1959 firmiert die Fabrik unverändert an derselben Adresse [3].

1969 folgte eine Neugründung des Unternehmens, 1979 war es als Waagenfabrik Karl Schulz Gesellschaft m.b.H. in Wien 23., Atzgersdorf, Gatterederstraße 11-15 ansässig [4].

Quellen:

[1]…Foto 210 x 156, Innenansicht der Wiener Rotunde, Sektor Nord, Stand der Fa. Schulz Universalwaagen, Eigentum schlot.at (2016)

[2]…Compass Verlag (1925): Industrie-Compass Österreich 1925/26, 593

[3]…Compass Verlag (1959): Industrie-Compass Österreich 1959, 1001

[4]…Compass Verlag (1979): Industrie-Compass Österreich 1989/80, 1017

[A]…Grundriß der Rotunde, 04.08.2016

[B]…Rotunde Wien, 04.08.2016

[C]…Joh. KREMENEZKY (o.J.): METALLUM / Elektrische Glühlampen, Sockel und Armaturen, 88 Seiten, Druck bei J. Gerstmayer, Wien XIV. Eigentum schlot.at (2013); Deckblatt

[D]…wien.gv.at – Kulturportal: Stadtplan 2016 hinterlegt mit Generalstadtplan 1912, 04.08.2016

AT | 1180 Wien | Bäckerei SCHAMBURECK / HAAG

Der einzige uns in Währing bekannte Industriekamin wurde im Juli 2016 abgetragen.

Er gehörte ursprünglich zur Bäckerei und Teigwarenfabrik Karl SCHAMBURECK, welche in der Zwischenkriegszeit als Großbetrieb bezeichnet werden konnte und damals bereits Gebäck nach Italien exportierte [1]. Nach 1953 [3] wurde der Betrieb an Karl HAAG verkauft [1], der damals noch in Wien 3., Landstraßer Hauptstraße 44 etabliert war.

Für die Fa. SCHAMBURECK bestehen folgende Nachweise in unserem Archiv:

  • Telefonbuch 1943 [2]: SCHAMBURECK Karl, Bäckerei-, Feinbäckerei-Großbetrieb und Teigwarenfabrikation, Wien XVIII/110, Währinger Straße 90/92. Gefolgschaftsraum Wien XVIII, Canongasse 22
  • Branchenverzeichnis Wien 1953 [4]: SCHAMBURECK Karl, Bäckerei, Café-Konditorei, Zwieback, Bröselerzeugung, Wien XVIII, Währinger Straße 90-92

Schließlich wurde das Unternehmen an Karl HAAG verkauft und als Bäckerei und Ausbildungsbetrieb für das Zuckerbäckergewerbe weitergeführt.

Der rissige und mit einer langen gedämmten Zuleitung versehene Kamin erscheint auf älteren Schrägluftbildern [5] und auf einem schlot.at- Foto von 2009  sehr hoch und wurde im Laufe der letzten Jahre gekürzt [6]. Er wurde im Juli 2016 von der Fa. PRAJO abgebrochen [7].

[1]…Freundliche Anrainerauskunft am 27.07.2016

[2]…Amtliches Fernsprechbuch Wien 1943, 438

[3]…Amtliches Telephonbuch Wien 1953, II.Teil: Berufs- und Branchenverzeichnis, 70

[4]…Amtliches Telephonbuch Wien 1953, II.Teil: Berufs- und Branchenverzeichnis, 70

[5]…Bing Maps, 2016

[6]…Google Maps, 2016

[7]…Baustellenbesuche schlot.at (2016)

AT | 1140 Wien | Färberei Seidel | ~1935

Abermals ein Zufallsfund eines Fotos [1], das einen uns schon lange bekannten Fabriksstandort in Wien 14, Deutschordensstraße 3, zeigt:

Färberei Seidel [2] bzw. Vereinigte  Färbereien A.G. [3], um  1935.

Faerberei_Seidel_Deutschordensstrasse

Die sehr schöne Website www.1133.at, die sich den ehemaligen Fabriken des Wientales widmet, berichtet über die Fabrik wie kursiv folgt:

Färberei Seidel

(14, Hackinger Straße 48, Deutschordenstraße 3)

In unmittelbarer Nachbarschaft der (in ihrem Ursprung auf das Mittelalter zurückgehenden) Hackinger Mühle befand sich auf Hackinger Straße 46 ein nicht zur Mühle gehörendes, um 1750 errichtetes ebenerdiges Haus. Darin richtete 1812 Louis Aumüller eine Baumwolldruckerei ein und stockte das Haus um ein Geschoß auf. Der Betrieb war nur mäßig rentabel, seine Besitzer wechselten alle paar Jahre. 1846 kaufte Gustav Seidel das Gebäude von Giuseppe Bossi und eröffnete darin 1860 eine Färberei und Mercerisiererei (=Stoffveredlung, benannt nach ihrem englischen Erfinder Mercer) ein. Gustav Seidel (*1816, †1887) stammte aus Reichenberg (Liberec) in Böhmen und war von 1878 bis zu seinem Tod auch Bürgermeister von Hacking, in deren Gemeindegebiet seine Fabrik lag (obwohl nördlich der Wien und heute 14. Bezirk). Er wohnte mit seiner Familie direkt neben seinem Fabrikbüro in der Deutschordenstraße 3. Nach 1850 kaufte er auch das gegenüberliegende Areal der Hackinger Mühle (Hackinger Straße 48) samt den noch darauf befindlichen Gebäuden, ausgenommen das Mühlenwirtshaus „Gasthaus zum Deutschen Orden“, welches die Färberei Seidel erst 1922 dazu erwarb. 1887 übernahmen die Söhne des Gründers, Gustav jun. (der sich schon 1896 zurückzog) und Moriz, die Färberei. 1889 wurde ihnen das Druckereigebäude (Hackinger Straße 46) zu eng, sie übersiedelten die Färberei zur Gänze auf das ehemalige Mühlenareal.

Nun begannen die Jahre des großen Aufschwunges der Färberei Seidel, ermöglicht durch die Hochkonjunktur der zu Ende gehenden Monarchie, die Gründerzeit. Neue Gebäude wurden zugebaut, darunter ein großes Direktionsgebäude und weitere Produktionshallen, Magazine, eine Wagenremise und ein Personalwohnhaus für Fabriksbeamte (Hackingerstraße 50). 1902 wurde der große Schlot gebaut, den die Firma Seidel auf ihrem Briefpapier stolz in stark rauchendem Zustand abbildete – als Zeichen der Prosperität, Umweltbewusstsein war damals noch ein Fremdwort. 1905/06 wurden die Betriebszweige Bleicherei und Appretur hinzugenommen und neben den Dampfmaschinen auch erste Elektromotoren eingesetzt. 1906 brachte Moriz Seidel den Hackinger Betrieb in eine groß angelegte Fusionierung mit folgenden Firmen ein: Hugo Stöhr in Röchlitz und Oberrosenthal, H. Schmidt & Co. in Reichenberg, J.H. Bornemann in Aussig (alle Orte in Böhmen). Zusammen bildeten sie nun die „Vereinigte Färbereien Aktiengesellschaft“ mit weiteren Filialfabriken in Hussowitz bei Brünn, Wöllersdorf (NÖ) und Kaisermühlen. 1910 hatte der Hackinger Betrieb etwa 300 Arbeiter. Nach dem Zerfall der Monarchie wurde dieser, heute würde man sagen Konzern, wieder in eine österreichische und eine tschechoslowakische Gesellschaft zerlegt, die letztere hieß „Vereinigte Färbereien Reichenberg“. Nach dem Ersten Weltkrieg kam beim Hackinger Betrieb noch Wäscherei und Walkerei dazu, dann war der Höhepunkt des Ausbaus erreicht. Offenbar als Folge der geänderten politischen Verhältnisse erfolgte 1940 eine neuerliche deutsch-böhmische Fusion. 1939 bis 1947 führte bereits der Enkel des Gründers, Ing. Moritz Seidel, die Geschäfte im Vorstand. 1946 wurden die in Böhmen gelegenen Betriebsteile von den Enteignungen bzw. Verstaatlichungen aufgrund der Beneš-Dekrete erfasst, einzig die Wiener Färberei blieb übrig.

Der 1933 verstorbene Moriz Seidel liegt zusammen mit dem Gründerenkel, Ing. Moritz Seidel, auf dem Ober St. Veiter Friedhof in einem noch bestehenden Grab, auf dessen Grabstein ein Metallrelief einen Färber darstellt, wie er einen Tuchballen in den Bottich taucht. Die Gesichter der abgebildeten Personen (Färber, kleines Kind) entsprechen den tatsächlichen Physiognomien der Geschwister des Ing. Moritz Seidel. Die letzte Beteiligung eines Familienmitgliedes am Betrieb war die Geschäftsführerschaft des studierten Textilchemikers Dr. Thomas Seidel von 1964 bis 1967.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren in Hacking einige Kriegsschäden zu beseitigen, da die Fa. Seidel wegen ihrer Nähe zur Bahn kleinere Bombentreffer abbekommen hatte. In den 1950er-Jahren gingen die Geschäfte sehr gut, besonders das Färben von Schistoffen (Schihosen), hier teilte man sich mit Winkler & Schindler praktisch den Markt auf.

1974 wurde nochmals ein bisschen umgebaut. Es hatte sich über Jahre hinweg bereits ein enormer Investitionsbedarf angestaut. In der Erkenntnis, die hohen erforderlichen Investitionen nicht mehr verdienen zu können, wurde die Fabrik 1978 geschlossen. 1981/82 erfolgte der Abbruch der Gebäude und der Neubau des Auslieferungslagers der Fa. Morawa. Nur das denkmalgeschützte ehemalige Gasthaus „Zum Deutschen Orden“ mit Baukern aus dem 17. Jh. musste stehen bleiben und wurde nach jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen der Fa. Morawa und dem Bundesdenkmalamt schließlich 1995 renoviert – heute ist darin deren Verwaltung untergebracht.

Quellen:

[1]…Kontaktkopie 85×60 mm, Agfa Lupex, beschriftet mit „Wien XIII, Hackinger Kai 9“, Eigentum schlot.at-Archiv

[2]…www.1133.at, Färberei Seidel, 22.07.2016

[3]…Compass Verlag (1925): Industrie-Compass Österreich 1925/26, Wien. 1580